Gutachtenprüfung – Notwendigkeit oder Machtdemonstration unter Sachverständigen?

RS206262_20231212182012

Gutachtenprüfung – Notwendigkeit oder Machtdemonstration unter Sachverständigen?


Die Prüfung eines Gutachtens hat keinen guten Ruf. Zu oft wird sie als persönlicher Angriff verstanden, als Revierkampf unter Sachverständigen oder als Versuch, sich über Kollegen zu stellen.


Aus meiner täglichen Praxis kann ich sagen: Genau das ist sie nicht – zumindest dann nicht, wenn man sie ernsthaft und verantwortungsvoll betreibt.


Ich bekomme regelmäßig Aufträge von Unternehmern, Privatpersonen und Versicherungen mit einer klaren Fragestellung:
Hält ein bereits erstelltes Gutachten einer fachlichen Überprüfung stand ?


Prüfen heißt nicht zerlegen

Bevor ich überhaupt einen Auftrag zur Gutachtenprüfung annehme, schaue ich mir das vorhandene Gutachten sehr genau an. Und zwar nicht, um Fehler zu suchen, sondern um zu bewerten, ob eine tiefergehende Prüfung überhaupt sinnvoll ist.

Schon in dieser frühen Phase zeigen sich häufig erste Anzeichen:

  • oberflächliche Fehler,
  • unstimmige Schlussfolgerungen,
  • fehlende Einordnung bestimmter Einflussfaktoren.


Das ist für mich der Moment, in dem ich dem Auftraggeber ein ehrliches Feedback gebe. Denn auch hier gilt: Kosten und Nutzen müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen.
Wenn ein Gutachten bereits in den Grundzügen nicht tragfähig ist, dann ist eine aufwendige fachliche Aufarbeitung oft gut investiertes Geld. Wenn nicht, dann sage ich das auch ganz offen.


Die harte Wahrheit: Viele Gutachten halten nicht stand

Leider muss man klar sagen: Ein großer Teil der Gutachten, die mir zur Prüfung vorgelegt werden, hält einer fachlichen Prüfung nicht stand.
Und das Überraschende ist: Es sind
nur selten grobe Rechenfehler oder ein völlig falscher struktureller Aufbau.

In rund 80 % der Fälle scheitert es an den Schlussfolgerungen und Beurteilungen.

Sie sind nicht ganzheitlich, nicht sauber hergeleitet oder blenden wesentliche Einflussgrößen aus. An genau dieser Stelle merkt man häufig, aus welcher fachlichen Ecke der Sachverständige ursprünglich kommt – oft aus dem klassischen Maschinenbau oder aus dem Kfz-Bereich.


Landtechnik ist kein Nebenprodukt

Und genau hier liegt das Kernproblem: Landtechnik ist kein abgespeckter Maschinenbau.
Sie ist ein eigenes, hochkomplexes Fachgebiet.

Nehmen wir nur einen scheinbar einfachen Faktor wie Staub. Auf den ersten Blick wirkt das eindeutig – Staub ist Staub, oder?
Nein, ist er nicht.

Der Staub in der Magdeburger Börde hat völlig andere Eigenschaften als der in der Lüneburger Heide oder im Moorgebiet.
Korngröße, Feuchtigkeit, organische Bestandteile, Abrasivität – all das wirkt sich direkt auf Verschleiß, Funktion und Lebensdauer von Maschinen aus.

Diese Faktoren kann man nur dann korrekt bewerten, wenn man:

  • die landwirtschaftlichen Bedingungen kennt,
  • die regionalen Besonderheiten versteht
  • und gleichzeitig tiefes technisches Know-how mitbringt.

Wer Landtechnik nur „mitprüft“, weil es ja auch Technik ist, unterschätzt diesen Bereich massiv. Und genau deshalb sind viele Gutachten am Ende klar anfechtbar.


„Wir können alles“ – ein gefährliches Versprechen

Was mir in diesem Zusammenhang immer wieder auffällt:
Logos, Internetseiten und Werbeaussagen von Sachverständigen, die angeblich alles abdecken.

  • PKW
  • LKW
  • Motorräder
  • Boote
  • Landmaschinen
  • E‑Bikes
  • Wohnwagen


Wer als Sachverständiger auftritt, suggeriert automatisch eine besondere Sachkunde in dem angegebenen Gebiet. Und genau hier wird es problematisch.
Denn bei dieser Bandbreite ist es schlicht unmöglich, in jedem Bereich ein echter Profi mit spezieller Fachkenntnis zu sein.

Manchmal scheitert es schon an Fragen wie:

  • Was ist ein ISOBUS-System?
  • Welche Größenkategorien gibt es bei Dreipunkt-Krafthebern?

Fragen, die ein Lehrling im dritten Lehrjahr beantworten kann – und an denen angebliche „Allround-Sachverständige“ scheitern.


Wenn Gerichte entscheiden müssen

Das eigentliche Problem wird im Ernstfall sichtbar.
Denn auf Basis solcher Gutachten entscheiden am Ende Gerichte. Und Versicherungen zahlen – oder eben nicht.

Ein nicht belastbares Gutachten ist dann kein theoretisches Problem mehr, sondern hat reale finanzielle und rechtliche Folgen für alle Beteiligten.

Aus meiner Sicht ist es deshalb unerlässlich, dass sich jeder Sachverständige auf sein Fachgebiet beschränkt.
Nicht, um Aufträge abzugeben – sondern um Qualität zu sichern.


Mein Standpunkt

Ich bin klar der Meinung:
Ein Sachverständiger sollte bei dem bleiben, was er wirklich kann.
Nicht andere Bereiche „mitnehmen“, um Auftragsbücher zu füllen.
Nicht "mitmachen", nur weil ein Markt lukrativ erscheint.


Gutachtenprüfung ist keine Machtdemonstration sondern Qualitätssicherung.
Für Auftraggeber, für Gerichte, für Versicherungen – und letztlich auch für den Berufsstand selbst.

Denn am Ende schadet nicht die Prüfung dem Ansehen eines Gutachtens.
Sondern ein Gutachten, das der Prüfung nicht standhält.


von RS206262_20231212182012 12. Mai 2026
Wann entsteht in der Schadenregulierung die Enttäuschung?!
Kettenbagger Brandschaden
von RS206262_20231212182012 3. März 2026
Restwertermittlung bei Land- und Baumaschinen: Warum Marktgebote, Altmetallwert und technisches Bauchgefühl oft stark voneinander abweichen.